Meine lieben Brieffreundinnen!
 
Dieser Newsletter sucht wirklich seinesgleichen.😊
Er enthält in der Regel keine News, er kommt sehr unregelmäßig und meistens kommt er gar nicht. In den letzten Wochen haben mich viele Nachrichten von Euch erreicht, von Frauen, die sich für diesen Newsletter neu angemeldet hatten und sich dann wunderten, warum sie monatelang keinen erhalten haben. Sie sorgten sich, dass bei der Anmeldung womöglich etwas schief gegangen sei. Nein, Ihr Lieben, es ist alles in Ordnung. Es liegt an mir. Der letzte Newsletter kam im Februar.☺️
Ursprünglich hatte ich mir einmal vorgenommen, monatlich an Euch zu schreiben. Aber ursprünglich hatte ich mir auch mal vorgenommen, jeden Tag fünfzehn Minuten Krafttraining zu machen, Mealprep in meinen Alltag zu integrieren und ein Dankbarkeitsjournal zu führen. Ihr seht, Ihr seid also die bedauerlichen Opfer meines Unvermögens geworden, meine Vorsätze einzuhalten und mit Vernunft und Disziplin das durchzuziehen, was ich mir vorgenommen habe.

Also: Seid herzlich willkommen, Ihr neuen Brieffreundinnen 💖 und wundert Euch nicht, wenn auch der nächste Brief wieder monatelang auf sich warten lassen wird. Und seid gegrüßt, Ihr lieben alten Brieffreundinnen, die Ihr ja mittlerweile wisst, worauf Ihr Euch hier eingelassen habt. Diese Briefe kommen selten und, wenn, dann sind sie elend lang.

Dieses Jahr ist in seinen Schrecken, in seinen Wundern und in dem persönlichen Wachstum, das für mich stattgefunden hat, unvergleichlich. So intensiv, so schmerzhaft, so bereichernd und so wunderbar durchwirkt mit Abenteuern und Erkenntnissen. Unvergesslich!

Selten sind in meinem Leben Tränen und Triumph, Drama und Dankbarkeit so unmittelbar kollidiert. Eine meiner engsten Freundinnen, Antje, ist an Knochenmarkskrebs erkrankt. Unheilbar. Diese Nachricht, diese Diagnose hat mir am Ende des vergangenen Jahres den Boden unter den Füßen weggezogen. Silvester vor einem Jahr habe ich mit Antje zusammen gefeiert. Zu zweit haben wir der Angst getrotzt, was das kommende Jahr bringen würde. Wir haben nicht auszusprechen und nicht zu denken gewagt, ob das womöglich unser letztes Silvester sein würde. Wir waren füreinander stark, haben uns Hoffnung gemacht und Mut zugesprochen. Erst auf dem Weg nach Hause nach Hamburg, im Auto, kaum dass Antje winkend im Rückspiegel verschwunden war, konnte ich mich nicht zusammenreißen. Ich fuhr rechts ran und weinte und weinte. Um sie und um mich. Ich weinte ganz egoistisch um mich und um mein Leben, das ich mir nicht ohne meine Freundin vorstellen kann und will.

Und dann nahm das Jahr seinen rasanten Lauf. Antje kämpfte den Kampf ihres Lebens. Und ich begann, ein Buch zu schreiben, das ein neues Kapitel in meinem Leben aufschlagen würde. Nein, eigentlich begann ich nicht, dieses Buch zu schreiben, sondern ich begann, es zu erleben. Der Titel „Alt genug“ stellte mich vor eine Herausforderung – denn um dieses Buch schreiben zu können, musste ich erst einmal alt genug werden. Und mir fehlte noch ein wenig an Erfahrung, an Abenteuer, an innerer und äußerer Freiheit.
Ich war gerade siebenundfünfzig geworden, als ich mich entschied, dieses Buch zu schreiben. Oder hatte das Buch sich entschieden, sich von mir schreiben zu lassen? Aber ich musste erst siebenundfünfzig-einhalb werden, um alt genug zu sein, um es wirklich schreiben zu können. Und so zwang mich das Buch, das ich unbedingt schreiben wollte, zu einer Lebensphase, die ich sonst nie erlebt hätte und zu der mir sonst garantiert der Mut gefehlt hätte.

Ich will hier nicht alles wiedergeben, was ich gewagt habe und was mir widerfahren, gelungen und misslungen ist. Vom schrecklichen Eisbaden, von meiner Reise allein nach New York, wo ich jeder einzelnen meiner Ängste begegnete, von meiner Reise in mein Innerstes, vom Schlamm in Wacken, von der Scham, Hilfe zu brauchen, von meinem gefühlten Versagen, als ich eine Freundin auf einem ihrer schwersten Wege nicht begleiten konnte, vom Grab meiner Eltern, an dem ich nie wieder weinen werde, und von der Freiheit, die ich mir erst so spät erkämpft habe.

In der zweiten Hälfte des Jahres widmete ich mich dem Schreiben – und noch nie zuvor habe ich diesen Prozess so sehr als persönliche Entwicklung, inneres Wachstum und Bereicherung empfunden. Jeder Satz war wie ein Geschenk, das ich mir durch meine siebenundfünfzigeinhalb Jahre Leben irgendwie redlich verdient hatte.

Und jetzt geht dieses Jahr zu Ende, meine Freundin Antje lebt, sie ist einen furchtbar schweren Weg gegangen, hat Chemotherapien und eine Stammzellenübertragung hinter sich. Es geht ihr gut. Wir haben zusammen beim Finale von Germany’s Next Topmodel gesessen, wir sind am Meer spazieren gegangen, und sie hat mir noch vor wenigen Tagen geholfen, einen Hemnes-Schrank von Ikea aufzubauen. „Geholfen“ ist eigentlich das falsche Wort. Sie hat mich brüsk des Raumes verwiesen, ich sei ihr im Weg, und ihn dann ganz alleine aufgebaut. Irgendwann wird der Krebs zurückkommen. Bis dahin leben wir unser bestmögliches Leben. Und dann sehen wir weiter.

Das neue Jahr liegt vielversprechend vor mir. Mein Buch, das mir so viel bedeutet, wird Ende Februar erscheinen. Es ist ein offenes Buch, ich gebe so viel Preis darin, dass ich nur hoffen kann, dass es mich nicht allzu verletzlich macht. Wobei, ich mag es, verletzlich zu sein. Denn was ist die Alternative? Niemand ist unverletzlich, und so zu tun, als sei man es, ist eine ständige Verstellung und Anstrengung, der ich mich nicht mehr aussetzen möchte.
Auch das ist Freiheit, auch dafür bin ich endlich alt genug.

Es wird wieder eine Show zum Buch geben, ich gehe also auf Tour, und wenn Euch die Termine interessieren, dann findet Ihr sie alle auf meiner Homepage: www.ildikovonkuerthy.de

Diese Shows waren und sind für mich wirkliche Feste.
Feste, bei denen wir unsere Stärken feiern und unsere Schwächen zeigen. Es sind Räume voller Frauen, die sich wohlwollend begegnen, wohl wissend, dass die Ängste, die Schmerzen, die Freuden und die Zweifel zum Leben gehören, uns verbinden, uns menschlich und zugänglich machen.
Ich möchte Euch jetzt, am letzten Tag des Jahres, von Herzen danken.💖 Durch Euch werden wir zu Freundinnen; jede einzelne ist ein Teil des Ganzen, einer Gemeinschaft, die nur entstehen kann, wenn so viel gute und menschliche Energie zusammenkommt. Danke dafür. Danke, dass Ihr mich begleitet und ich das Gefühl habe, nicht allein zu sein auf diesem großartigen, beschwerlichen, beängstigenden und beglückenden Weg.

Was wünsche ich mir vom neuen Jahr?
Was will ich loslassen, was will ich zurücklassen, was will ich mitnehmen und was will ich neu entdecken? In den letzten Tagen habe ich mir darüber Gedanken gemacht. Ich habe sogar zum ersten Mal die Rauhnächte zelebriert und verbrenne nun jeden Tag einen Wunsch und bin jetzt schon sehr gespannt, welcher am 13. Tag übrig bleiben wird.
Meine Wünsche haben mit Selbstverantwortung zu tun. Mit Selbstbestimmung. Mit Liebe, mit Beziehungen, mit Grenzen. Grenzen zu setzen fällt mir immer wieder schwer, auch mir selbst gegenüber, denn ich neige dazu, meine eigenen Grenzen nicht zu respektieren.

Zu viel. Es ist immer wieder zu viel. Zu viel Zucker, zu viel Social Media, zu viel Konsum, zu viel Stress, zu viel Strenge, zu viel Effektivitätsbedürfnis. Zu wenig. Es ist immer wieder zu wenig. Zu wenig Muße, zu wenig Milde, zu wenig Selbstverzeihen. Und immer wieder geht es in meinen Wünschen um Freundlichkeit.
Als 17-jähriges Mädchen begegnete ich einer faszinierenden Frau und Lehrerin. Mim Pew, Sozialarbeiterin und Individualpsychologin aus Oregon, USA. Sie ist schon lange tot, aber ein Satz klingt noch immer in mir nach. Als sie gefragt wurde, wie sie sich auf Therapiesitzungen vorbereite, antwortete sie, sie bereite sich auf jede Sitzung genauso vor, wie sie sich auf jeden Tag ihres Lebens vorbereite: „I become centered with a loving spirit.“

Sich selbst erfüllen, befüllen wie ein Gefäß mit einer kostbaren Flüssigkeit, mit einem liebevollen Geist. Zu einer wohlwollenden inneren Haltung finden. Tag für Tag erneut.

Mit diesen, vielleicht etwas pathetisch geratenen Zeilen verabschiede ich mich für heute von Euch. Ihr wisst, ich bin eine sentimentale alte Kuh, eine Eigenschaft, die sich zwischen den Jahren gerne noch mal verstärkt.😁

Ich freue mich über unser Zusammensein, ich grüße Euch herzlich und ich verspreche nicht, dass ich bald wieder schreibe. Aber ich nehme es mir fest vor.😅

Eure 💖💖💖💖💖

Ildikó
IMPRESSUM:

Ildikó von Kürthy
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